Herd(s)Attacke

Plätzchen mal anders: Odenwälder Dreispitz

Tief im Odenwald steht ein Kasperhaus, so hübsch und fein … 

Naja, ganz so tief im Odenwald, wie das Volkslied sagt, steht das Kasperhaus nicht. Eigentlich eher am westlichen Rand, mit einem Fußzeh schon fast auf der Bergstraße und mit der Nasenspitze in der Kurpfalz, was man ein klein wenig auch am Dialekt der Gegend spürt.

Nichtsdestotrotz fühlt man sich hier dem Odenwald zutiefst verbunden und bezeichnet sich demnach stolz als „Ourewäller“. Einer „Urban Legend“ zufolge gab es einmal ein Lexikon, in dem selbige als „kleines, kriegerisches Bergvolk“ bezeichnet wurden. Einen Nachweis dafür bleibt das Internet allerdings schuldig.

Odenwälder Dreispitz vor dem Backen.

Nicht ganz so kriegerisch

Tatsächlich ist der (Vorder)Odenwälder an sich ein sehr freundlicher Mensch – das habe ich nach fast dreißigjähriger „Abstinenz“ ganz schnell festgestellt. Nachdem es mich für eine lange Zeit in die Darmstädter Region verschlagen hatte, bin ich vor wenigen Jahren wieder in die alte Heimat zurückgekehrt und was mir als allererstes aufgefallen ist: Die Leute grüßen.

Wenn du morgens um 6 Uhr durch’s Dunkle zum Bäcker trabst, um deine Frühstücksbrötchen zu holen und dir begegnet jemand, dann sagt er „Guten Morgen“. Wenn du an der Bushaltestelle stehst und jemand kommt vorbei, sagt er „Guten Morgen“. Wenn du sonntags einen kleinen Spaziergang machst und begegnest anderen auf der Straße, dann sagen sie „Guten Tag“. Wohlgemerkt: völlig Unbekannte. Leute, die ich noch nie im Leben gesehen habe. Einfach so.

In all‘ den Jahren, die ich ein paar Kilometer weiter nördlich verbracht habe, ist mir das dort selten bis garnicht passiert. Dabei habe ich im einen Ort elf und im anderen über fünfzehn Jahre gewohnt. Liegt’s vielleicht daran, dass sich hier unten die hessischen „Knodderer“ mit den fröhlichen „Pälzern“ vermischen?

Gut gelungen: Odenwälder Dreispitz, ein traditionelles Weihnachtsgebäck mit Kartoffelteig.

Töften und so

Aber ich komme mal wieder völlig vom Thema ab – eigentlich soll’s hier ja um die Weihnachtsbäckerei gehen. Seit ich mich mit dem Kochen und Backen beschäftige, hab‘ ich mich hin und wieder auch nach typischen Rezepten aus dem Odenwald umgesehen und muss leider feststellen, dass diese nicht besonders dicht gesät sind. Selbst das sonst so allwissende Internet bietet nur eine ganz kleine Auswahl, die meisten davon auf einschlägigen Rezeptplattformen, so dass nicht nachvollziehbar ist, ob die Rezepte tatsächlich Odenwälder Originale sind oder einfach nur danach benannt wurden.

Auch in den Untiefen meiner niemals schrumpfenden Loseblattsammlung fanden sich nur zwei Kopien. Auf einer war das Rezept für den Kochkäs,  auf dem anderen – wahrscheinlich aus einem Landfrauenkochbuch (die Quelle lässt sich leider nicht mehr ausmachen) – die „Odenwälder Dreispitz'“, die ich heute vorstelle möchte.

Sie sind genau das Richtige für Leute, die es nicht ganz so süß mögen. Denn der Dreispitz – wegen seiner Ähnlichkeit zum gleichnamigen Hut der Odenwälder Tracht so genannt – wird aus Kartoffelteig hergestellt. Kartoffeln (also Töften) waren DAS Grundnahrungsmittel im Odenwald; kein Wunder, dass die eine oder andere auch in Kuchen und eben Plätzchen gelandet ist.

Das macht das Ganze aber auch so interessant: Der Teig schmeckt leicht kartoffelig und ist eher von der soften, als von der knusprigen Art. Die ganze Süße kommt von der Latwerg, oder auch Latweje -, dem stundenlang gerührten, dicken Pflaumenmus. Die Kombination aus beidem hat mich angenehm überrascht und der gebackene Vorrat war dann auch ganz schnell aufgefuttert.

Aller guten Dinge sind Drei

Ja, und deshalb hab‘ ich die Dreispitz‘ auch drei Mal gebacken. Zum einen war das vorliegende Rezept in den Angaben nicht soooo eindeutig. Ich meine: zwei Kartoffeln. Ja … große? Kleine? Dicke? Dünne? Fest- oder mehlig kochend? Oder: zwei Tassen Mehl. Hm. Espresso-Tassen? Oder eher Pötte? Irgendwie klar, dass es beim ersten Mal nichts wurde.

Der zweite Anlauf sah schon vielversprechender aus; ich hatte den Teig ein wenig verändert und angepasst – allerdings den Ausstecher zu klein gewählt und aus den Dreispitzen wurden eher Schiffchen oder sowas in der Art. Was zur Folge hatte, dass das Pflaumenmus während des Backens aus der Teigform floss und ich eine unförmige Teig-Mus-Masse vom Blech kratzen musste.

Aber Nummer Drei entsprach dann endlich in allen Punkten meiner Vorstellung, weshalb ich das Rezept nun guten Gewissens weitergeben kann.

Plätzchenzwillinge

Achso – falls jemand beim Betrachten der Bilder gedacht hat: „Aber hey – das sind doch Pfaffenhütchen!“. Japp, in der Tat. Die Odenwälder Dreispitz‘ haben wohl im Süden Deutschlands, bzw. auch in der Schweiz und in Österreich einen Zwilling; zumindest, was die Optik angeht. Allerdings werden diese, wenn meine Recherchen stimmen, nicht aus Kartoffel-, sondern aus Mürbeteig gemacht. Zweitens besteht die Füllung der Pfaffenhütchen (oder auch Pfaffenkäppchen) aus Nüssen, Marzipan (yummy) oder einfach Konfitüre.

Ohne Filter

Und ganz zum Schluss, nach dem Motto „Für mehr Realität im Internet“, noch ein Foto der Dreispitz‘, für die Heidi heute wohl kein Bild gehabt hätte. Also nicht aufgeben, falls es mit dem Falten nicht auf Anhieb klappt oder der eine oder andere Hut ein wenig schräg aus dem Backofen kommt. Geschmeckt haben diese Exemplare auf jeden Fall genau so gut wie die „Schönlinge“. Es kommt halt doch auf die inneren Werte an …

Odenwälder Dreispitz - die nicht ganz so perfekten Exemplare.
Odenwälder Dreispitz
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Ihr benötigt einen Keksausstecher mit 6,5 - 7 cm Durchmesser. Kleinere sind nicht ratsam, da sich die Dreispitze damit nicht gut formen lassen.
Außerdem: einen Kartoffelstampfer oder eine -presse.
Portionen Vorbereitung
ca. 50 Stück 60 Minuten
Kochzeit Wartezeit
20 + 20 Minuten 30 Minuten
Portionen Vorbereitung
ca. 50 Stück 60 Minuten
Kochzeit Wartezeit
20 + 20 Minuten 30 Minuten
Odenwälder Dreispitz
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Ihr benötigt einen Keksausstecher mit 6,5 - 7 cm Durchmesser. Kleinere sind nicht ratsam, da sich die Dreispitze damit nicht gut formen lassen.
Außerdem: einen Kartoffelstampfer oder eine -presse.
Portionen Vorbereitung
ca. 50 Stück 60 Minuten
Kochzeit Wartezeit
20 + 20 Minuten 30 Minuten
Portionen Vorbereitung
ca. 50 Stück 60 Minuten
Kochzeit Wartezeit
20 + 20 Minuten 30 Minuten
Zutaten
Portionen: Stück
Einheiten:
Anleitungen
  1. Die Kartoffeln ungeschält in einen Kochtopf geben, mit Wasser bedecken und zum Kochen bringen.
    Sobald das Wasser kocht, das Salz hinzugeben, die Hitze auf mittlere Stufe reduzieren (das Wasser sollte gerade noch köcheln) und die Kartoffeln je nach Größe 15-20 Minuten garen.
  2. Die Kartoffeln abschütten und 15 Minuten ausdampfen lassen.
    In der Zwischenzeit die Butter in kleine Stückchen schneiden und das Ei in einem Schälchen verquirlen.
  3. Die abgekühlten Kartoffeln pellen und entweder durch die Kartoffelpresse drücken oder mit einem Stampfer zu Brei verarbeiten.
    Die Butterstückchen, das Ei, Vanille- und Puderzucker sowie das Mehl dazu geben und alles mit den Händen zu einem gleichmäßigen Teig verarbeiten.
    Der Teig sollte geschmeidig sein, aber nicht mehr an den Händen kleben.
    Den Teig zu einem Kloß formen und für eine halbe Stunde in den Kühlschrank geben.
  4. Den Backofen auf 180°C Ober-/Unterhitze vorheizen.
    Ein Backblech mit Backpapier auslegen.
    Das Latwerg/Pflaumenmus einmal durchrühren.
    Das Eigelb verquirlen.
  5. Die Arbeitsfläche dünn mit Mehl bestreuen; den Teig in 4-5 Stücke teilen.
    Ein Teilstück ca. 3 mm dick ausrollen und mit dem Ausstecher (Durchmesser 6,5-7 cm) Kreise ausstechen und aufeinander stapeln.
    Die Teigreste mit einem weiteren Teilstück verkneten, wieder ausrollen, Kreise ausstechen.
    So weiter verfahren, bis der Teig aufgebraucht ist.
  6. Teigkreise auf dem Backblech verteilen und dünn mit Eigelb bepinseln.
    Je einen kleinen Klecks Latwerg in die Mitte geben (1).
    Den oberen Rand des Kreises von links und rechts zur Mitte hin zusammenfalten, so dass eine Tülle entsteht (2). Die Kante leicht zusammendrücken.
    Nun den unteren Rand des Kreises nach oben klappen und die Kanten der dabei entstandenen Spitzen ebenfalls leicht zusammendrücken (3).
  7. Das Backblech mittig in den vorgeheizten Ofen schieben und die Dreispitz' 20 Minuten backen.
    Die fertigen Plätzchen auf ein Kuchengitter geben, je eine Prise Hagelzucker auf das Mus streuen und die Plätzchen abkühlen lassen.
  8. Mit den übrigen Teigkreisen genauso verfahren.
  9. Die abgekühlten Odenwälder Dreispitz in einer Keksdose (o.ä.) luftdicht verpackt aufbewahren.
    Die Plätzchen halten sich gut zwei Wochen.

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